Wie stark ist mein Cocktail eigentlich? Die Rechnung, die niemand macht
Auf jeder Flasche steht der Alkoholgehalt. Auf keinem Cocktail steht er. Und weil ein Drink im Glas immer ungefähr gleich aussieht – gekühlt, hübsch garniert, ein paar Zentiliter Flüssigkeit –, entsteht der Eindruck, alle seien ungefähr gleich stark.
Sie sind es nicht. Zwischen einem Highball und einem Martini liegt ein Faktor von drei. Das merkt man beim Trinken kaum, am nächsten Morgen dafür umso deutlicher.
Die Rechnung dahinter ist einfach, und sie lohnt sich einmal.
So funktioniert die Rechnung
Man addiert die reine Alkoholmenge aller Zutaten und teilt sie durch das Endvolumen inklusive Verdünnung.
Ein Beispiel: 60 ml Gin mit 40 Prozent enthalten 24 ml reinen Alkohol (60 × 0,4). Landen diese 24 ml am Ende in einem Drink von 110 ml Gesamtvolumen, liegt der Alkoholgehalt bei rund 22 Prozent.
Der entscheidende und meistens vergessene Teil ist das Schmelzwasser. Rühren bringt ungefähr 20 bis 25 Prozent Verdünnung, Schütteln tendenziell etwas mehr. Ohne diesen Anteil rechnet man jeden Drink zu stark – und mit ihm wird sichtbar, warum Verdünnung nicht nur geschmacklich, sondern auch in dieser Hinsicht funktional ist.
Vier Klassiker im Vergleich
Alle Werte gerundet, mit üblichen Spirituosenstärken und rund 22 bis 25 Prozent Verdünnung gerechnet.
Whisky Highball – 50 ml Whisky, 150 ml Soda
20 ml reiner Alkohol, Endvolumen gut 200 ml. Etwa 9 bis 10 Prozent. Ungefähr so stark wie ein leichter Wein, nur in größerer Menge.
Daiquiri – 60 ml Rum, 30 ml Limette, 20 ml Sirup
24 ml reiner Alkohol, geschüttelt auf etwa 140 ml. Etwa 17 Prozent.
Negroni – je 30 ml Gin, Campari, roter Wermut
Zusammen rund 24 ml reiner Alkohol, gerührt auf etwa 110 ml. Etwa 22 Prozent. Trotz zweier vergleichsweise schwacher Zutaten – weil das Volumen klein bleibt.
Dry Martini – 60 ml Gin, 10 ml trockener Wermut
Rund 26 ml reiner Alkohol, gerührt auf etwa 88 ml. Etwa 29 Prozent. Der stärkste Klassiker überhaupt, und der, der am harmlosesten aussieht.
Ein Martini enthält in einem kleinen Glas also ungefähr so viel Alkohol wie drei Highballs – die man über einen ganzen Abend trinken würde.
Warum kleine Gläser täuschen
Der Grund für diese Diskrepanz ist nicht die Stärke der Zutaten, sondern das Volumen.
Ein Highball enthält dieselbe Spirituosenmenge wie ein Sour, ist aber auf das Vierfache verdünnt. Der Alkohol ist derselbe, nur verteilt auf eine Flüssigkeitsmenge, die man langsamer trinkt.
Genau das ist der Mechanismus hinter der Low-ABV-Idee: nicht weniger Geschmack, sondern mehr Volumen und mehr Zeit pro Drink.
Und es erklärt auch, warum spirituosenlastige Drinks bewusst klein serviert werden. Ein Martini in Longdrink-Größe wäre kein großzügiger Drink, sondern ein gefährlicher.
In Gramm statt in Prozent
Für die Einordnung ist eine zweite Rechnung hilfreicher als die Prozentzahl. Reiner Alkohol wiegt etwa 0,79 Gramm pro Milliliter. Damit lässt sich jeder Drink in Gramm Alkohol umrechnen – die Größe, die in Gesundheitsempfehlungen verwendet wird und an der sich das gängige „Standardglas" mit ungefähr zehn Gramm orientiert.
- Whisky Highball: rund 16 g
- Daiquiri: rund 19 g
- Negroni: rund 19 g
- Dry Martini: rund 20 g
Zum Vergleich: Ein kleines Bier mit 0,33 Litern und fünf Prozent liegt bei etwa 13 Gramm, ein Glas Wein mit 0,2 Litern und zwölf Prozent bei etwa 19 Gramm.
Das Ergebnis überrascht viele: Fast jeder klassische Cocktail entspricht ungefähr zwei Standardgläsern. Ein Abend mit drei Drinks ist damit rechnerisch ein Abend mit sechs.
Was man damit anfangen kann
Diese Zahlen sind kein Grund, mit dem Taschenrechner an der Hausbar zu stehen. Aber sie machen ein paar Dinge greifbar:
Die Getränkeauswahl für Gäste ist eine Entscheidung. Wer für einen langen Abend einladen will, fährt mit Highballs, Spritz-Varianten und Punsch besser als mit vier Runden Manhattan – nicht aus Vorsicht, sondern weil der Abend dann länger funktioniert.
Verdünnung ist kein Qualitätsverlust. Wer seinen Drink „stark" mag und deshalb kurz rührt, bekommt nicht mehr Alkohol – der war ohnehin schon in der Flüssigkeit. Er bekommt nur einen härteren, verschlosseneren Drink. Warum Wasser dabei eine Hauptzutat ist, steht im Wasser-Artikel.
Die Menge ist die einzige verlässliche Stellschraube. Wie sich das am nächsten Morgen auswirkt, haben wir im Artikel über den Kater beschrieben.
Und selbstverständlich: Wer fährt, rechnet gar nicht erst.
Fazit
Ein Cocktail sagt nicht, wie stark er ist, und das Glas hilft dabei nicht weiter. Wer die Rechnung einmal für seine drei Lieblingsdrinks macht, hat danach ein realistisches Gefühl dafür – und trifft bessere Entscheidungen darüber, was er wann serviert.
Die Rechnung selbst dauert zwei Minuten. Sie ist die einzige in diesem Magazin, die man wirklich nur einmal machen muss.
Genuss mit Verantwortung. Alkoholabgabe und -konsum ab 18 Jahren.
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